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EXKLUSIV-INTERVIEW: Jens Hentschel-Thöricht über seinen Rückzug

 

zittau-online.de sprach mit dem Fraktionschef der LINKEN im Stadtrat Zittau. 

 

Herr Hentschel-Thöricht, Sie legen am Monatsende Ihr Stadtratsmandat nieder, das eigentlich bis 2024 läuft. Machen Sie jetzt den Lafontaine?

Ich habe gegenwärtig den Verzicht auf mein Stadtratsmandat und den Stellvertretenden Oberbürgermeister aufgrund persönlicher Prioritätensetzung erklärt. Die Parteimitgliedschaft ist hiervon nicht betroffen und ich bleibe auch weiterhin Abgeordneter für DIE LINKE im Kreistag. Mir haben die aktuell durchlebten Erkrankungen von sehr nahe stehenden Menschen nochmal mehr die Verletzlichkeit unseres menschlichen Seins vor Augen geführt, wie alle unsere Pläne vergänglich sein können. Ich möchte einfach mehr Zeit für meine Familie haben.

 

Man hat Ihnen mehrmals vorgeworfen mit der AfD zu kungeln. Andere Fraktionen haben diese vermeintliche Nähe zur AfD sogar an den Landesvorstand der LINKEN „gemeldet“? Diese Vorwürfe spielten keine Rolle bei Ihrer Entscheidung?

Nein, auch wenn die Vorgänge nicht spurlos an einem vorübergehen. Hier ist bis in mein berufliches Umfeld hineingewirkt worden und man versuchte, mich nach jahrelangem Engagement gegen die extreme Rechte zu beschädigen und existentiell zu schädigen. Lassen Sie mich aber erwähnen, dass dies nicht immer so war. In der vergangenen Wahlperiode des Stadtrates haben wir durchaus konstruktiv diskutiert, nach Lösungen gerungen. Mit Arndt Voigt als Oberbürgermeister pflegten wir zudem eine gute, auch kontroverse Zusammenarbeit – stets auf Augenhöhe. Lösungsorientierte Kommunalpolitik bereitet mir, auch wenn sie mal strittig ist, sehr viel Freude. Aber es kann schon passieren, dass eine Partei, mit der man nichts gemein hat, in bestimmten Fragen zu der selben Auffassung gelangt. Wenn wir innerhalb der Fraktion DIE LINKE zu einer Entscheidung gekommen sind, dann vertreten wir diese auch und stehen hierfür ein. Da ist es mir gleich, warum die AfD zufällig und Themen nur aufgreifend, zur selben Meinung gelangt ist. Wenn Oberbürgermeister Thomas Zenker seine Vorhaben im Vorfeld einer Stadtratssitzung besser kommuniziert hätte, wäre uns wohl so manche „Schlammschlacht“ erspart geblieben.

 

Sie sind (noch) einer der Stellvertreter des Oberbürgermeisters. Was würden Sie anders machen?

In den vergangenen Jahren haben wir uns mit Thomas Krusekopf, meiner Person als Stellvertretende Oberbürgermeister immer wieder auch mit dem Oberbürgermeister zur Terminübernahme und Bürgeranliegen gut abgestimmt. Das hätte ich mir deutlich intensiver auch in dieser Wahlperiode gewünscht. Wir wurden außen vor gelassen, erfuhren von Entscheidungen und aktuellen Informationen viel zu oft nur aus der Zeitung oder über Dritte. Über Fraktionsgrenzen hinweg könnten wir uns viel Zeit und Kraft sparen, wenn man sich zusammensetzt, bevor die Beschlussvorlage formuliert ist. Auch unsere Ortsbürgermeister sollten viel öfter Gehör finden und in Entscheidungen einbezogen werden.  

 

Wer wird im Mai Ihren Platz im Stadtrat einnehmen?                

Für mich rückt Elke Koppatsch nach. Sie ist in der Hillerschen Villa in der Soziokultur beschäftigt, u.a. im Bereich der Flüchtlingshilfe.

 

Die LINKE befindet sich in einer tiefen Krise. Hat der bundesweite Wählerverlust der Partei Einfluss auf Ihre Entscheidung und worin sehen Sie die Ursachen für diese Entwicklung?

Die Zeiten als „oben“ etwas beschlossen wurde, dem „unten“ alle gefolgt sind, sind lange vorbei. In der Kommunalpolitik haben wir schon immer nach unserem Wissen und Gewissen zum Wohle der Einwohner und der Stadt gehandelt. Was die Ursachen des Stimmenverlustes betrifft, da bin ich ganz bei Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine. Die Partei hat sich in der jüngeren Vergangenheit zu wenig mit den existenziellen Problemen der „kleinen Leute“ und den Sorgen der Geringverdiener befasst. Stattdessen hat man versucht, grüne Positionen zu kopieren. Es gibt noch so viele Themen, wie beispielsweise die verkorkste Pflegereform, die im Sinne der sozialen Gerechtigkeit verändert werden müssen. Die LINKE muss den Menschen wieder in den Mittelpunkt stellen und natürlich bei ihrer konsequenten Friedenspolitik bleiben. Jetzt erst recht, wenn alle aufrüsten wollen.

 

Wie haben die Stadtratsmitglieder der anderen Fraktionen Ihre Entscheidung aufgenommen?

Ich habe über Fraktionen hinweg und auch im direkten Bürgerkontakt, denn solch eine Nachricht macht hier in unserer Stadt ja schnell die Runde, sehr freundliche und diesen Schritt bedauernde Reaktionen erhalten. Hierfür möchte ich mich herzlich bedanken, denn der Kontakt zu den Einwohnern Zittaus und den Ortsteilen ist ein großes Herzensanliegen meines Engagements.

 

Wie lautet Ihre Prognose für die Oberbürgermeisterwahl im Juni?

Dies wird eine spannende Entscheidung der Einwohnerschaft. Ich bin gespannt, wer sich als Kandidat meldet. Ich wünsche mir für Zittau eine versöhnlichere Zusammenarbeit, auch im Bereich des Stadtrates. Dafür habe ich nochmals geworben. Letztlich ist dort vor allem der Oberbürgermeister das alle-Fraktionen-mitnehmende und einende Bindeglied, das wünsche ich mir wieder für Zittau.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Mario Heinke am 4. April 2022.