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Zittauer Bibliothek kauft 306 Jahre altes Buch im „Antiquariat Wilsberg“

Der Wissenschaftliche und Heimatgeschichtliche Altbestand der Christian-Weise-Bibliothek Zittau konnte im Spätsommer 2021 wieder ein wichtiges und wertvolles altes Buch für seine Sammlung historischer Zittauer Drucke erwerben.

 

Es handelt sich dabei um eine im Jahr 1715 von dem Buchhändler Johann Jacob Schöps in Zittau verlegte Ausgabe des „Paradieß-Gärtlein, Welches Voller Christlichen Tugend-Gebete“, ein Gebetbuch, von Johann Arndt.

 

Johann Arndt wurde am 27. Dezember 1555 in Edderitz (heute Landkreis Anhalt-Bitterfeld) oder in Ballenstedt (Landkreis Harz) geboren. Sein Vater Jakob Arndt war Dorfpfarrer und auch Johanns erster Lehrer. Später besuchte Johann Arndt die Schulen in Aschersleben, Halberstadt und Magdeburg. Im Jahr 1575 nahm er an der Universität Helmstedt das Studium der „artes liberales“ (die sieben freien Künste – Grammatik, Rhetorik, Dialektik bzw. Logik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie) sowie der Medizin auf. 1581 setzte er sein Studium an der Universität Wittenberg fort, später in Straßburg und Basel. Arndt war an der Erforschung der Natur ebenso interessiert, wie an den Schriften von Paracelsus und besaß ein chemisches Laboratorium. Nach seiner Rückkehr in die anhaltische Heimat 1582 wurde Johann Arndt Schullehrer in Ballenstedt. Im Jahr 1583 wurde er in Bernburg ordiniert, also für das geistliche Amt gesegnet. Später übertrug ihm Fürst Joachim Ernst von Anhalt die Pfarrstelle in Badeborn (heute ein Ortsteil von Ballenstedt). Fürst Joachim Ernst nahm die 1577 erlassene Konkordienformel (Bekenntnisschrift der lutherischen Kirche) nicht an und erließ 1585 eine eigene Bekenntnisschrift. Sein Nachfolger Fürst Johann Georg von Anhalt betrieb die Abwendung von der lutherischen Kirche weiter. Johann Arndt lehnte dies ab, da er den Fürsten damit auf dem Weg zum Calvinismus sah. Daraufhin wurde ihm im September 1590 das Amt entzogen und er des Landes verwiesen. Arndt nahm dann eine Pfarrstelle an der Nikolaikirche in Quedlinburg an, wo er bis 1599 blieb.  Dort halfen ihm seine medizinischen Kenntnisse während einer Pestepedemie. Bis 1609 wirkte er dann als Pfarrer in Braunschweig, danach in Eisleben. Abschließend war er bis zu seinem Tod Generalsuperintendent in Celle. Gemeinsam mit Herzog Christian gestaltete er dort das Kirchen- und Schulrecht neu. Für einen vom Herzog im Jahr 1613 gestifteten Altaraufsatz in der Stadtkirche von Celle entwickelten sie gemeinsam das theologische Bildprogramm. Johann Arndt starb am 11. Mai 1621 in Celle. Dort tragen heute das Gemeindehaus der lutherischen Kirche und eine Straße seinen Namen.

 

Johann Arndt war aber nicht nur ein eifriger Pfarrer, sondern auch ein fleißiger Schreiber. Er verfasste zahllose Predigten und schrieb mehrere theologische Bücher. Sein „Buch vom wahren Christentum“ erschien 1605 und wurde von der lutherischen Orthodoxie heftig kritisiert. Für Neuauflagen ergänzte und veränderte er das Werk. Danach folgten die Bände 2 bis 4 des „Buch vom wahren Christentum“. Arndt war durch Einflüsse der Mystik geprägt und edierte mittelalterliche Schriften, wie die „Theologia deutsch“ oder Werke von Thomas von Kempen und Johannes Tauler. Die geistlichen Schriften Arndts lösten bei der Amtskirche heftigen Widerspruch aus und mündeten letztlich im deutschen Pietismus. Der Dresdner Philosophiehistoriker Siegfried Wollgast urteilte über Johann Arndt: 1 „Ähnlich wie die katholischen oder protestantischen Reformtheologen des 16. und 17. Jh. erkannte Arndt wesentliche Mängel in seiner Kirche deutlich und sprach sie entschieden aus. Dabei stand er aber auf dem Boden seiner Kirche, wollte sie bessern, verinnerlichen, auf ihr eigentliches Anliegen zurückführen, nicht etwa aufheben oder grundlegend umgestalten. [...] Arndt verarbeitete das vorhandene naturphilosophische, humanistische und theologische Material und konnte somit auch auf oppositionelle Bestrebungen anregend wirken.“ (Siegfried Wollgast: Philosophie in Deutschland zwischen Reformation und Aufklärung 1550-1650, Berlin 1988, S. 520).

 

Sein Gebetbuch „Paradieß-Gärtlein“ erschien erstmal im Jahr 1612 in Magdeburg. Es wurde über viele Jahrzehnte immer wieder nachgedruckt. So mehr als 100 Jahre nach der Erstveröffentlichung auch in Zittau, wie die Neuerwerbung der Christian-Weise-Bibliothek Zittau belegt.Die einstige Zittauer Ratsbibliothek besaß seinerzeit zwei verschiedene Ausgaben von Arndts „Paradieß-Gärtlein“, gedruckt in Lüneburg 1649 und in Amsterdam 1662. Leider fielen diese beiden Bände der „Bestandsbereinigung“ zu DDR-Zeiten zum Opfer. Die Zittauer Ausgabe des „Paradieß-Gärtlein“ ist ein kleines Buch im Format von nur 16,5 x 7 cm und hat einen Umfang von 550 Seiten. Es passte also bequem in die Tasche und konnte mit in die Kirche oder auf Reisen genommen werden. Das Buch ist durch vier ganzseitige Stiche illustriert, welche jeweils die einzelnen Teile des Werkes einleiten. Diese Teile beinhalten die Tugendgebete nach den zehn Geboten, die Dankgebete für Wohltaten Gottes, die Kreuz- und Trostgebete, die Amtsgebete sowie die Lob- und Freudengebete. Eine Besonderheit hat der Zittauer Druckes des „Paradieß-Gärtlein“ auch noch aufzuweisen: Einen „Anhang Bestehend in Morgen-, Abend-, Sonntags- und Sonst täglich zu gebrauchenden Andachten Mehrentheils um Allerhand geistliche Gaben“. Dieser Anhang wiederum hat auf seiner ersten Textseite oben eine Zittauer Stadtansicht als Schmuck. Was will man mehr?

 

Bleibt eigentlich nur noch zu erwähnen, dass diese neuerworbene Zittauer Ausgabe des „Paradieß-Gärtlein“ bisher in keiner anderen öffentlichen Bibliothek in Deutschland nachweisbar ist. Abschließend gilt der Dank noch dem Antiquariat Michael Solder in Münster. Herr Solder hat uns dieses besondere Buch nicht nur direkt angeboten, sondern ist uns freundlicherweise auch bei der Preisgestaltung entgegengekommen. Übrigens, das Antiquariat Solder in Münster kennen heute viele Leute, allerdings unter dem Namen „Antiquariat Wilsberg“ aus der entsprechenden ZDF-Krimiserie.

 

Quelle: Uwe Kahl, Christian-Weise-Bibliothek Zittau, Wissenschaftlicher und Heimatgeschichtlicher Altbestand

 

 

Foto: Juliane Stamm
Foto: Juliane Stamm