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Was lesen die Oberlausitzer im Lockdown? (4)

In dieser Reihe fragen wir regional bekannte Persönlichkeiten, welches Buch sie im Lockdown gelesen haben und weiter empfehlen.

 

Lutz Günther, Redakteur & Moderator (im Auftrag des MDR Sachsen) empfiehlt:  „Die Schleife an Stalins Bart“ von Erika Riemann, erschienen bei Piper, München 2006. 

 

Ich bin sicher nicht der typische Lockdown-Leser, da ich ja zu den glücklichen Menschen gehöre, die noch arbeiten dürfen. Aber an den Wochenenden oder auch mal abends ist ja etwas Zeit zum Lesen.

 

Das Buch, welches ich derzeit immer mal wieder zur Hand nehme, heißt "Die Schleife an Stalins Bart"Ich habe es bereits vor Jahren schon einmal gelesen und in der gegenwärtigen Situation beeindruckt es mich wieder sehr. Es sind bedrückende Erlebnisse, die Erika Riemann darin beschreibt. Ein junges Mädchen verziert, in kindlicher Naivität und Unwissenheit über die Folgen, ein Bild des "großen Generalissimus". Ich lese es, weil ich mich für die frühe DDR-Geschichte interessiere und weil ich zu den DDR-Kindern gehöre, die wohlbehütet in diesem System aufgewachsen sind. Erlebnisse, wie die, der vierzehnjährigen Erika waren mir bis zur Wende völlig fremd. Und ich finde es sehr beeindruckend, wie man die Geschichte des Mädchens auf heutige Ereignisse projizieren kann. Wer heute mit Plakaten auf Demos zieht, auf denen Politiker in Häftlingskleidung zu sehen sind, der muss keine Strafen fürchten. In unserer Zeit/Gesellschaft sind solche Plakate durch die Meinungsfreiheit gedeckt, sie dürfen gezeigt werden. Die Plakate kann man als geschmack- oder respektlos bezeichnen aber es ist vom Grunde her gut, dass die Menschen in diesem Land heute diese Freiheiten haben und sie nutzen dürfen, ohne dafür über Jahre in Gefängnissen oder Lagern zu verschwinden. Dennoch behaupten die Träger solcher Plakate, dass sie in einer Diktatur leben, in der sie gezwungen sind Widerstand zu leisten. Die 14-jährige Erika Riemann hat für die vergleichsweise harmlose Schleife an Stalins Bart, die volle Härte einer Diktatur zu spüren bekommen. Ich empfehle dieses Buchen den Menschen, die offenbar Schwierigkeiten mit geschichtlichen Vergleichen haben, sozusagen als kleine Auffrischung für all die Janas aus Kassel. 

 

Lutz Günther

 

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