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Vom knuffeln und haushalten

 

Eine Glosse von Mario Heinke

 

Es scheint, als käme in diesen irren Zeiten die menschliche Wärme zuweilen abhanden. Nicht nur, weil wir uns weitgehend berührungsfrei begegnen müssen, auch die Sprache kühlt zunehmend ab.

 

Manchmal jedoch geht der Himmel auf und ein wärmender Strahl trifft die Erde. So geschehen, als ich zum ersten Mal einen Artikel über den Knuffelcontact (gesprochen: Knüffelkontakt) in Belgien las. Als Knuffelcontact bezeichnen die Belgier die Person, die auch während der Kontaktbeschränkungen geknuffelt werden darf. Ähnlich in Holland, dort riet das Gesundheitsministerium allen Alleinstehenden sich einen „knuffelmaatje“ (Knüffelkumpel) zu suchen. Knuffeln – herrlich! Da entsteht schon beim Aussprechen viel Wärme. Vergleichsweise brutal klingt da die deutsche Fassung in der Corona-Schutz-Verordnung: „Erlaubt sind Treffen von einem Hausstand, in Begleitung des Partners oder der Partnerin und mit Personen, für die ein Sorge- oder Umgangsrecht besteht sowie einer Person aus einem weiteren Hausstand.“  Zum Hausstand gehören laut Definition alle Personen, die dauerhaft in einem gemeinsamen Haushalt leben, unter Umständen gehören Staubsauger und Schwiegermutter dazu.

 

Hausstand oder Haushalt – das ist feinstes Bürokraten-Sprech und klingt ebenso bedrohlich wie Hausordnung. Man steht unweigerlich stramm, schlägt die Hacken zusammen und schreit – zumindest gedanklich – „Jawohl!“. Für die Jüngeren zur Erklärung: Hausordnung nannte man früher das abwechselnde Reinigen des Treppenhauses durch die Mieter. Ein Zwangsdienst, der innerhalb der Hausgemeinschaft im Hinblick auf die Qualität der Ausführung zuweilen zu Streit und Missgunst führte.

 

Durften die Belgier zu Beginn der Pandemie noch zwei oder drei Knuffelcontacte haben, herrscht inzwischen strenge Knuffel-Monogamie. Knuffelkontakte fehlen uns allen. Die von Franzosen und Italienern praktizierte Pussi-hier-und-Pussi da-Abknutscherei war nie so meines, aber auch nach bald einem Jahr Kontaktbeschränkung zuckt es innerlich immer noch, wenn ich Menschen begegne, die ich früher mit einem Handschlag oder einer Umarmung begrüßt hätte.