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„Nach Ostern wird sich alles überschlagen“

 

zittau-online.de sprach mit Jochen Kaminsky, Inhaber des Tourismus- und Gästeführerbüros im Zittauer Salzhaus über Tourismus, Touristen und die Folgen der Corona-Pandemie für die Branche. Die Zittauer kennen Jochen Kaminsky vor allem als Nachtwächter. Der Historiker spielt jedoch viele Rollen, ob als Hauptmann der Stadtwache, Hausmeister Erwin Querglich oder Franziskanermönch Vincentius. Seine Hauptrolle ist die des Reiseleiters, im vergangenen Jahr unterhielt er rund 10.000 Reisende im Reisebus, in den Stadtwächterzügen der Zittauer Schmalspurbahn, bei Stadtführungen oder während seiner Theatervorstellungen.

 

Herr Kaminsky, wie ist die Stimmung in der Branche?

 

Am Jahresbeginn ist immer Saure-Gurken-Zeit für den Tourismus in der Oberlausitz. Aber derzeit ist die Stimmung in der Branche völlig im Keller. Seit dem 2. November gibt es nichts zu tun. Durch mein Ehrenamt im Bundesverband der Gästeführer als Leiter einer Regionalgruppe erfahre ich von den Problemen der Kollegen zwischen Cottbus, Bautzen, Görlitz und Zittau. Viele Gästeführer bekommen keinerlei staatliche Hilfen, weil sie kleine Nebeneinkommen haben. Immer mehr Kollegen arbeiten deshalb im Supermarkt oder anderen Jobs. Ich befürchte, wenn die Pandemie vorüber ist, kommen sie nicht mehr wieder und sind für immer verloren. Die Tätigkeit als Gästeführer im Vollzeitjob ist schlecht bezahlt und birgt alle Risiken der Selbstständigkeit, wie Einkommensausfall während des Urlaubs oder einer Krankheit. Es gehört schon viel Idealismus dazu den Job zu machen. Wenn man – so wie in letzten Jahr –  fünf Monate lang keinerlei Einkünfte erzielt und zuschauen muss, wie die Rücklagen dahin schmelzen, stellt man sich schon die Frage: Wie lange halte ich das durch? 

 

Fachkräftemangel bei den Gästeführern?

 

Wir bilden kontinuierlich Gästeführer aus, müssen aber feststellen, dass die Absolventen der Lehrgänge die Tätigkeit meistens nicht lange ausüben. Das war schon vor Corona so, jetzt wird die Lage noch verschärft. In den Sommermonaten musste ich bereits Anfragen von Busreiseunternehmen absagen, weil ich niemanden finden konnte, der zusätzliche Reisegruppen übernimmt. Das ist aber nur ein Problem von vielen.

 

Welche Probleme sehen Sie außerdem?

 

Ich mache mir ernsthafte Sorgen um die touristische Infrastruktur in der Region. Es gibt immer mehr Orte, in denen es gar keine oder zu wenig Gastronomie-Angebote gibt. Die angespannte Personalsituation in der Gastronomie ist bekannt, aber wenn Touristen immer wieder vor verschlossenen Türen stehen und nichts zu essen kriegen, kommen sie irgendwann nicht mehr wieder. Wenn es wie beispielsweise in Oybin zu wenig öffentliche Toiletten gibt, überlegen sich die Reiseveranstalter, ob sie den Ort überhaupt noch anfahren. Mancherorts fehlen zudem Park- und Stellplätze für Autos und Wohnmobile. Von der Verkehrsanbindung der Gebirgsorte will ich gar nicht erst anfangen. In der letzten Zeit habe ich mehrmals erlebt, wie Reisegruppen in Görlitz von Anwohnern oder Joggern beschimpft wurden, weil sie angeblich im Wege stehen. Das alles ist wenig förderlich für den Tourismus und steht dessen Weiterentwicklung im Wege.

 

Hat sich das Verhalten der Touristen in den letzten Jahren verändert?

 

Unmittelbar nach dem ersten Lockdown im Mai 2020 waren die Gäste auffällig dankbar, aufmerksam und interessiert. Das hat im Laufe des Sommers leider wieder nachgelassen. Es gibt immer mehr Touristen, die während einer Stadtführung lange telefonieren. Da frage ich mich, warum sie überhaupt bezahlen, wenn sie weder Zeit noch Interesse an der Führung haben. Insgesamt sinkt die Aufmerksamkeit, den Leuten fällt es immer schwerer, sich zu konzentrieren.       

 

Was erwarten Sie vom neuen Jahr?

 

Ich bin optimistisch, zu oder nach Ostern wird sich alles überschlagen. Die guten Besucherzahlen vom Sommer 2020 könnten sich wiederholen. Die Busunternehmen müssen Umsatz machen, um die dramatischen Ausfälle durch zwei Lockdowns wenigstens ansatzweise zu kompensieren. Der Inlandstourismus wird weiter boomen, weil Reisen ins Ausland wegen vieler Unsicherheiten noch schwer zu planen sind. Ich hoffe, dass wir das Aufkommen auch bewältigen können ohne das die Qualität darunter leidet.

 

Was tun Sie bis dahin?

 

Ich suche neue Wege für Wandertouren oder feile an meinen Theaterstücken. Ich erledige alles, was sonst liegen bleibt und warte darauf, dass das Telefon klingelt .   

 

Zur Person: Jochen Kaminsky  ist 63 Jahre alt, betreibt seit 2004 das Tourismus- und Gästeführerbüro Lusatia-Superior Zittau und Ebersbach. Der Ur-Eibauer studierte Kulturwissenschaften in Meißen und Dresden, ist verheiratet und lebt in Ebersbach-Neugersdorf. 

 

Das Interview führte Mario Heinke.