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Corona vergeht - Reisefieber bleibt

 

Mit dem Ausbruch der weltweiten Corona-Pandemie, Grenzschließungen und Reisewarnungen ist das Geschäft der deutschen Reisebüros und Reiseveranstalter fast völlig zum Erliegen gekommen.

zittau-online.de sprach mit Simone Hempel und Birgit Gruner, die gemeinsam das Reisebüro „Reise-Treffpunkt“ in der Böhmischen Straße 15 in Zittau betreiben über die Folgen der Corona-Krise für ihre Arbeit, ihr Leben und wie es weitergeht.  

 

Seit wann betreiben Sie das Reisebüro? Woher kommen Ihre Kunden?

Simone Hempel: Das Reisebüro betreiben wir seit April 2006. Unsere Kunden kommen aus Zittau und einem großen Umland. Vermehrt erreichen wir auch Reiselustige aus entfernten Gegenden, mit denen wir ausschließlich über digitale Medien korrespondieren. Nicht zu vergessen sind unsere Kunden aus Polen und der tschechischen Republik. 

 

Hätten Sie sich jemals eine solche Situation vorstellen können?

Birgit Gruner: Eine weltweite Pandemie mit solchen Auswirkungen hätten wir uns niemals vorstellen können. Wir standen zunächst wie unter Schockstarre, als es im Frühjahr eine weltweite Reisewarnung gab. 

 

Wie groß ist der Umsatzeinbruch durch Corona?

Simone Hempel: Unser Geschäft war fast völlig zum Erliegen gekommen. Dementsprechend der totale Umsatzeinbruch. 

 

Womit waren Sie in den vergangenen Monaten beschäftigt?

Birgit Gruner: Als wir zu Jahresbeginn von Corona überrascht wurden, hatte der größte Teil unserer Kunden den Urlaub für 2020 bereits gebucht. Der Arbeitsaufwand war enorm, die Rückabwicklung der vielen Reisen zu organisieren und gleichzeitig geeignete Urlaubs-Alternativen zu finden. Andererseits haben viele Kunden während der Coronazeit Reisen gebucht, die wir meistens kurze Zeit später wegen neuer Reisewarnungen erneut stornieren mussten.

 

Wie lief die Rückabwicklung der Reisen? 

Simone Hempel: Das Stornieren und Umbuchen der bereits getätigten Buchungen lief insgesamt gesehen relativ geordnet ab. Zu Anfang wurden wir von einer Welle ungeklärter Vorgänge regelrecht überrollt. Die Krisenstäbe der Veranstalter haben unermüdlich gearbeitet. Die Ereignisse überschlugen sich und die Situation war von Tag zu Tag anders. Bei vielen Reiseveranstaltern haben wir Kulanzanträge eingereicht, die größtenteils im Sinne der Kunden entschieden wurden. Problematisch war für uns auch die schlechte Erreichbarkeit der Reiseveranstalter. Einige Reisende, die nur einen Linienflug über uns gebucht hatten, warten schon über 6 Monate auf finanzielle Erstattungen. Die fast schon aus der Mode geratene Pauschalreise erweist sich in diesen unsicheren Zeiten als beste Reiseart. Unsere Kunden waren fast alle geduldig und hatten Verständnis, dass wir bei der Vielzahl an Buchungen nicht alles gleichzeitig bearbeiten können.

 

Welche Erfahrungen haben Sie in den vergangenen Monaten persönlich gewonnen? 

Birgit Gruner: Durch die vielen Beschränkungen wurde uns bewusst, wie viele Freiheiten man doch eigentlich hatte. Vermisst haben wir nicht nur das Reisen und kulturelle Veranstaltungen sowie Restaurantbesuche, sondern vor allem die persönlichen Kontakte. Aber auch welchen Wert es hat gesund zu sein wurde uns in letzter Zeit viel mehr bewusst.

 

Die Reisebüros sind nun zum zweiten mal in diesem Jahr geschlossen, wovon leben Sie?

Simone Hempel: Tatsächlich ist die Touristikbranche ein großer Verlierer der Krise. Zu Anfang der Pandemie konnten wir uns das Ausmaß nicht vorstellen und glaubten an eine rasche Erholung. Wir hatten seit 2006 erfolgreiche Geschäftsjahre und haben ganz gut gewirtschaftet. Desweiteren haben wir mit riesigem Zeitaufwand staatliche Überbrückungshilfen beantragt und ausgezahlt bekommen, mit denen wir zumindest unsere Kosten abdecken können. Dafür sind wir dankbar. Wir wissen, dass dies im Vergleich zu anderen Ländern keine Selbstverständlichkeit ist. Inwieweit wir diese Gelder behalten dürfen steht noch auf der Kippe. Für uns Selbständige gibt es kein Kurzarbeitergeld, ein Unternehmerlohn ist leider nicht vorgesehen.  

  

Haben Sie Kunden, die in der derzeitigen Situation reisen? 

Birgit Gruner: Auch in diesem Jahr sind unsere Kunden auf Reisen gegangen. Im Sommer hatte sich ja die Lage zunächst entspannt. Viele haben natürlich Urlaub in Deutschland und Nachbarländern gemacht. Nachgefragt waren Ferienhäuser und Appartements mit Selbstverpflegung sowie Aktivurlaub. Aber auch von den Mittelmeerländern wie Griechenland, Zypern, den Kanarischen Inseln und Madeira waren die Kunden begeistert. Inzwischen sind für viele Interessierte die Hürden zu groß, um eine Flugreise in nächster Zeit anzutreten. Covid-19 Test, Corona WarnApp, online Registrierungen und eventuelle Quarantäne machen keine Lust auf Urlaub. Einige wenige haben trotzdem großes Fernweh und buchten unter anderem für Anfang Januar 2021 eine Kuba-Reise.  

 

Glauben Sie, dass sich unser Reiseverhalten nach der Krise ändert? Werden wir weniger fliegen und mehr mit der Bahn fahren oder eher dort weitermachen, wo wir aufgehört haben?

Simone Hempel: Wir glauben, dass wir zunächst nicht dort anknüpfen können wo wir im Februar 2020 aufgehört haben. Kurzfristig wird das Reiseangebot beschränkt sein, da auch viele Hotels in den beliebten Urlaubsgebieten geschlossen sind und vielleicht nicht mehr öffnen werden. Mittelfristig sehen wir aber doch, dass die Reiselust der Menschen wieder vorhanden ist. Das Bedürfnis vom Alltag abschalten zu wollen oder fremde Kulturen kennen zu lernen wird auch weiterhin ungebrochen da sein. Nachhaltigkeit wird wahrscheinlich in Zukunft eine größere Rolle einnehmen als vor der Krise. Die Bahn eignet sich für Ziele in der näheren Umgebung. Für Mittel- und Langstrecken wird es aber selbst in Zukunft keine wirkliche Alternative zum Flugzeug geben. Ob die riesigen Kreuzfahrtschiffe mit 6000 Passagieren an Bord eine Zukunft haben werden bleibt abzuwarten.

 

Wann ist die richtige Zeit, Reisepläne für 2021 zu schmieden? 

Birgit Gruner: Genau jetzt über die Feiertage sollten Reisepläne gemacht werden. Der Januar war ja schon immer unser buchungsstärkster Monat. Wir können verstehen, wenn die Kunden verunsichert sind. Wir denken aber, dass es ab dem Frühsommer einen Aufwärtstrend geben wird. Wir mussten bereits einigen Kunden eine Absage erteilen, weil die Lieblingskreuzfahrt für September 2021 ausgebucht war.

 

Welche Reiseziele waren vor Corona bei ihren Kunden besonders beliebt?  

Simone Hempel: Die klassischen Urlaubsziele Türkei, Spanien, Griechenland, Bulgarien, Italien, Kanarische Inseln waren besonders bei Familien mit Kindern beliebt. In den Wintermonaten reisten unsere Kunden gern in die Ferne, wegen der günstigen Preise besonders nach Südostasien. Ansonsten hat auch der große Kreuzfahrtboom um unser Reisebüro keinen Bogen gemacht. Urlaub mit dem eigenen Auto an die Ostsee oder ins Gebirge waren auch schon vor Corona beliebt. Rundum organisierte Reisen mit dem Reisebus wurden besonders gern von Senioren gebucht. 

 

Sie schreiben bei facebook: „ ... wir waren, sind und werden auch in Zukunft für Sie da sein.“ Was macht Sie so optimistisch?

Simone Hempel: Unser Beruf ist unsere Leidenschaft. Wer kann das schon von seiner Arbeit behaupten? Wir gehen jeden Morgen gern ins Büro und glauben, dass das unsere Kunden spüren. In dieser schwierigen Zeit weiter zu machen sind wir unserer treuen Kundschaft schuldig. Wir sind überwältigt von der Anteilnahme unserer Kunden. Das reicht von Mut zusprechen über den Wunsch, dass wir durchhalten mögen bis hin zu kleinen Präsenten und Blumen. Um uns zu unterstützen haben sich viele Kunden für Gutscheine anstatt finanzieller Rückerstattungen entschieden.

 

Was sind Ihre persönlichen Lieblings- oder Sehnsuchtsziele, wohin reisen Sie am liebsten?

Birgit Gruner: Ich liebe vor allem Südostasien. Myanmar hat es mir besonders angetan. Die Ruhe und Gelassenheit der Bevölkerung sind Balsam für die Seele. Ansonsten würde es mich reizen, einmal mit der Transsibirischen Eisenbahn an den Baikalsee zu reisen. Als näheres Reiseziel steht die Schweiz ganz hoch im Kurs.

Simone Hempel: Ich liebe Wetter. Klingt etwas komisch. Insofern wäre für mich sogar November an der Nordsee eine Option. Voll auf meine Kosten bin ich in Island gekommen, wo ich unbedingt noch einmal hin muss. Den Traum von einer Reise zu den Eisbergen im hohen Norden Grönlands werde ich mir hoffentlich sobald wie möglich erfüllen. Sibirien klingt für mich auch nach einem großen Abenteuer.

 

Weihnachten ist die Zeit der Besinnung und Rückschau. Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?

Birgit Gruner: Vor allem wünsche ich mir, dass Corona bald der Vergangenheit angehört und wir wieder unserer normalen Arbeit nachgehen können. Das wichtigste ist natürlich der Wunsch nach Gesundheit.

Simone Hempel: Ich kann mich den Wünschen meiner Kollegin nur anschließen.