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Ohne Bürokratie und Genehmigungen

 

Das Reformhaus Paul begeht in diesem Jahr sein 30jähriges Jubiläum.

 

Von Mario Heinke

 

Der Film „Lindenstraße Ost" des Süddeutschen Rundfunks, der 1991 in der ARD ausgestrahlt wurde, zeichnete ein düsteres Bild von bröckelnden Fassaden, Gestank und Schimmel in der Zittauer Lindenstraße. „Im hintersten Zipfel Deutschlands“, wo sich „in 40 Jahren SED-Sozialismus wenig getan hat", beschreibt der Streifen die Lage und beginnt mit einer Szene, in der drei Männer gesackte Kohle für „Mutter Kohlhaus“ anliefern. Der Bericht aus dem „nahen Osten“ sparte kein Klischee aus.

 

„Nach der Ausstrahlung waren wir uns in der Straße einig, dass wir etwas tun müssen", erinnert sich Andrea Paul. Gewerbetreibende und Anwohner organisierten deshalb ein Lindenstraßenfest, um das traurige Bild aus dem Fernsehen wieder etwas gerade zu rücken. „Alle haben mitgemacht, musiziert, getanzt, gekocht, Kuchen gebacken, die Straße geschmückt, Tische und Stühle aufgestellt. Damals wollte niemand Geld dafür, irgendwie ging das alles ohne Bürokratie und Genehmigungen", erzählt die Geschäftsfrau. Das war 1993, zwei Jahre nachdem Andrea und Michael Paul das erste Reformhaus in Zittau eröffnet hatten.

 


 

Die Pharmazie-Ingenieurin und der Handelskaufmann führten zu DDR-Zeiten zehn Jahre lang die „Adler-Drogerie“ in der Rosa-Luxemburg-Straße in Zittau. Im September 1989, vier Jahre nachdem sie einen Ausreiseantrag gestellt hatten, gingen sie mit beiden Kindern in den Westen und lebten in Bochum. Sie arbeitete in einer Apotheke, er bei „Allkauf.“ 1990 kehrten Pauls in die Heimat zurück, fest entschlossen sich aktiv einzubringen, und begannen sofort mit der Suche nach geeigneten Geschäftsräumen. Im September 1990 eröffneten Andrea und Michael Paul das „Reformhaus Scheune“ in der Lindenstraße, um natürliche und gesunde Produkte an den Mann und die Frau zu bringen. „Die Resonanz war überwältigend, die Leute haben sich an uns erinnert“, erzählt Andrea Paul und blättert im Kalender mit den alten Fotos. Regelmäßige Weiterbildungen in der Akademie der deutschen Reformhausgenossenschaft in Oberursel im Taunus standen damals auf der Tagesordnung. Andrea Paul erwarb die Abschlüsse zur Reformhausfach- sowie zur Heilpflanzen- und Vitalstoffberaterin, wurde ärztlich geprüfte Fastenleiterin. Bis heute ist sie Obfrau der Genossenschaft in Sachsen und Ansprechpartnerin für Reformhauskollegen, 17 Jahre lang war sie zudem im Aufsichtsrat der Reformhausgenossenschaft. 


 

1993 kauften Pauls das marode Gebäude mit Trockenklo in der Frauenstraße 10 und begannen mit dessen Sanierung. Bereits ein Jahr später eröffneten sie die neuen Geschäftsräume des Reformhauses, das seitdem ihren Namen trägt. Das Paar beteiligte sich aktiv und mit eigenem Stand bei der Landesgartenschau in Olbersdorf, beim Königszug, bei den Zittauer Stadtfesten, beim Spectaculum, bei der O-See-Challenge und anderen regionalen Höhepunkten. Andrea Paul engagierte sich im Handelsverband Sachsen, im Vorstand des Vereins „Zittau – lebendige Stadt“, im Förderverein der UNESCO-Schule und war in letzteren zeitweise Vereinsvorsitzende. Ganz „nebenbei“ sanierten Pauls ein Umgebindehaus im Kurort Jonsdorf, in dem sie auch wohnen. Acht Jahre berät Andrea Paul als Botschafterin der Firma Jentschura  ihre Reformhauskollegen im ganzen Bundesgebiet zum Leben im Säure-Basen-Gleichgewicht. Der Familienbetrieb, in dem seit einigen Jahren der Sohn mitarbeitet, wurde 2009 „Unternehmen des Jahres“ in Zittau. Auf diesen Titel ist die Familie besonders stolz.  

 

Um die Zukunft macht sich das Ehepaar keine Gedanken. Sohn Philipp-Christopher steht in den Startlöchern. Er qualifizierte sich nach seiner Handelskaufmannslehre zum Handelsfachwirt und absolvierte zusätzlich eine Ausbildung zum Reformhausfachberater. Auf das 30-jährige Firmenjubiläum angesprochen, sagt Andrea Paul: „Die Entwicklung verdanken wir der jahrzehntelangen Treue unserer Kundschaft, dafür sind wir sehr dankbar.“