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Vintragen zu Kleidern

 

Von Siglinde Trumpf, erschienen im xyzittau Stadtmagazin 2018

 

„Mädel, zieh die Vitragen zu“, forderte mich Großmutter immer dann auf, wenn die Sonne im Sommer intensiv in die gute Stube schien. Wer kennt noch Vitragen? Sie sind aus  dem Gebrauch verschwunden und wohl auch aus dem Wortschatz. Bevor Mutter mit uns Kindern 1947 nach Zittau zog, kannte ich diese Art von Sonnenschutz nicht. Ich war der Überzeugung, dass es Vitragen nur in der Oberlausitz gibt. Es waren weiße Fenstervorhänge aus Leinen oder Baumwolle, die die Sommerhitze in den Wohnräumen abmilderten. Wichtiger jedoch war es meiner Großmutter, dass die roten Plüschbezüge von Sessel und Kanapee durch intensive Sonneneinstrahlung vor Farbverlusten geschützt werden.
 
In den Jahren um 1950 erhielten diese weißen Stoffbahnen eine neue, ganz andere tragende Aufgabe. Sie verwandelten sich in Sommerkleider. Bekleidungspunkte waren sehr knapp, und Stoff für ein neues Kleid abzuzweigen war so gut wie unmöglich. Ideen waren gefragt und diese hingen an Großmutters Fenster. In der Reichenberger Straße in Zittau gab es ein Geschäft das Stoffe zum Bedrucken annahm. Heute wird in einem der Schaufenster für den „OTOMO“ Sportverein geworben. Doch zurück zu den zweckentfremdeten Vitragen. Unter zwei Druckmustern und deren Farben konnte man wählen. Begehrt war das Angebot, denn an den bestimmten Tagen der Annahme dieser „Dienstleistung“ bildete sich eine unübersehbare Warteschlange vor dem Laden. Bis der Ladentisch erreicht war, fieberte man, dass das Annahmekontingent noch nicht ausgeschöpft sei. Wir, die Enkeltöchter von 13 und 16 Jahren, jetzt die Besitzer der Vitragen, wählten das Muster in rot aus. Nun war wieder Geduld  gefragt, denn einige Wochen dauerte es schon, bis wir den Stoff, frisch bedruckt, in den Händen halten konnten.

Ach, was waren wir stolz auf unsere Kleider, punktfrei, geschneidert nach dem letzten Modeschrei, mit Falben am Rocksaum, Falben am Ausschnitt. Es störte uns wenig, dass das Muster in rot oder grün in der Stadt uns regelmäßig begegnete, denn mein Kleid, davon war ich überzeugt, war das schönste Modell. Es hatte den weitesten Rock, den ich beim schwadronieren durch die Stadt geschickt schwingen ließ, und um den Halsausschnitt schmiegten sich sogar zwei Falbenreihen. Das aufwendige Bügeln dieser Zierde war eine ganz andere Sache, es zählte nur die Schönheit, die Mühen nicht! Von nun an hatte die Sonne freien Zimmerzutritt, leckte am roten Plüsch. Was scherte es uns. Wir schwänzelten stolz mit neuen Kleidern durch die Stadt, und waren glücklich über die spendablen Großeltern.