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Von der Radrennbahn zur Wettkampfstätte

 

Von Hans-Georg Matthes, erschienen im xyzittau Stadtmagazin 2019

 

Die Tribüne des Weinauparkstadions ist die älteste Holztribüne mit Überdachung einer Sportstätte in Deutschland und steht unter Denkmalschutz. Der in Zittau ansässige 1893 gegründete Radfahrerverein hatte sich darum bemüht in dem seit 1848 durch die Stadt Zittau zunehmend mit Veranstaltungen und anderen Angeboten für die Bevölkerung genutzten Areal des Weinauparkes eine Radrennbahn zu errichten. Die Fläche des ehemaligen „Niederbergteiches“, konnte ab 1894 dafür genutzt werden. Der Niederbergteich musste in dem bereits entsumpften Gebiet nur zugeschüttet werden. Seit dem 16. Jahrhundert war das Areal in fünf morastige Parzellen geteilt und Teiche angelegt worden. Die Abtrennung wurde mit Dämmen vollzogen, die den heutigen Hauptwegen entsprechen. Ab 1859 erfolgte die Trockenlegung. Das war für die damalige Zeit allein schon eine Herausforderung, weil das Gelände ein Überschwem-mungsgebiet der alljährlichen Neißehochwasser (Neißeaue) war. Dafür wurde eigens ein Schleusensystem mit vorgelagertem Teich entwickelt, dessen sichtbare Reste heute zum Teil zwischen Stadion und Neiße noch zu sehen sind. Diese Technologie war zur Trockenlegung trotz der jährlichen Hochwasser so erfolgreich, dass sie später an vielen anderen Flüssen in Deutschland eingesetzt wurde. Der Niederbergteich hatte dabei eine solche Meliorations-funktion. Lediglich bei den Jahrhunderthochwässern wie in den Jahren 1897 oder 2010 wurde das Damm- und Entwässerungssystem trotzdem überflutet.

 

 

Die Stadt verpachtete die Fläche an den Radfahrerverein. Der Niederbergteich wurde im Frühjahr 1894 zugeschüttet. Das Stadion mit der Tribüne wurde binnen kurzer Zeit errichtet und am 19. August 1894 eröffnet. Die Rennbahn hatte eine Länge von 400 Metern im Oval mit erhöhten Kurven, sie war bis zu 8 Meter breit und damit eine der modernsten Anlagen dieser Zeit. Der Bau kostete die stattliche Summe von 8700 Mark. Das Stadion hatte die überdachten Sitzplätze auf der Tribüne und rings um die Bahn Stehplätze und in der Mitte der Bahn weitere Steh- und mobile Sitzplätze. Das Stadion war für 10.000 Zuschauer ausgelegt, allerdings soll es bei einem internationalen Wettkampf  30.000 Menschen aufgenommen haben.

Die Einweihung am 19. August 1894 war für die ganze Stadt ein Großereignis, welches sich bis ins Stadtzentrum von Zittau erstreckte.  Die ebenfalls neue Bismarckallee (heute Weinauallee) stellte erstmalig eine direkte und durch die vierreihige Baumbepflanzung repräsentative Verbindung zum Weinaupark her.  

 

 

In dieser Zeit hatten Fahrräder ja die Alltagsfunktion, die heute das Auto eingenommen hat. Es gab in Zittau und Umgebung zahlreiche Radbegeisterte,  Fahrradhersteller und Fahrradhändler. Diese wiederum waren zum Teil selbst im Verein aktiv und als Sportler auch erfolgreich. So waren die Rahmenbedingungen für die Popularität  und den erfolgreichen Betrieb der Bahn durchaus günstig. Zu den Eröffnungswettkämpfen waren 80 Rennfahrer aus Berlin, Leipzig, Dresden, Hannover, Görlitz, Sagan, Reichenberg und Gablonz angemeldet, jedoch traten letztendlich nur 25 an. Vermutlich waren die Geldpreise zu der Veranstaltung nicht attraktiv genug.

Die Wettkämpfe zur Eröffnung wurden ausgetragen über: Niederrad: 5000 Meter - 12,5 Runden, Dreirad: 3000 Meter - 7,5 Runden, Hochrad: 4000 Meter - 10 Runden.

Im Zittauer Stadtanzeiger finden sich Aussagen darüber, dass einige Besucher sehr belustigt über das Missgeschick von zwei Fahrern waren, die mehr als 3500 Meter mit äußerster Kraftanstrengung zurücklegen mussten, weil  sich der Gummi von den Rädern löste. Allerdings wurden sie von anderen Zuschauern wiederum angespornt und bejubelt.

Die Eintrittspreise bei der Eröffnungsveranstaltung betrugen: Tribüne  Sitzplatz: 1,50 - 3,00 Mark; Stehplatz vor der Tribüne: 50 Pfennig; Stehplatz rings um die Bahn: 20 Pfennig. Zum Vergleich: Ein einfacher Arbeiter verdiente zu der Zeit zwischen 50 und 80 Mark pro Monat, in gehobener Stellung 150 Mark.

 

Noch im Jahr 1894 wurden auf der Rennbahn Rekorde aufgestellt. So legte der Zittauer Fahrradhändler Zwahr erstmalig 100 Kilometer, also 250 Runden, in 3 Stunden und 14 Minuten zurück. 1895 waren fast alle nationalen und auch internationalen Fahrradgrößen in Zittau am Start. Ein Geschwindigkeitsrekord von 43 Kilometer pro Stunde wurde aufgestellt. Im selben Jahr stellten die Fahrer Stumpf und Hagermann aus Berlin einen Tandem-Weltrekord auf. Aber auch Zittauer Fahrer wie Bruno Büchner und Franz Seidel nahmen erfolgreich an den Radrennen teil.

Es wurden auch Veranstaltungen ausgetragen, die aus heutiger Sicht eher skurril anmuten würden. So fand 1895 ein Wettkampf zwischen Pferd und Niederrad statt. Der Reiter war der Jockey Mac Paul, der Fahrradfahrer ein bekannter Touren-Fahrer namens Max Sommerfeld. Das Rennen fand über eine Distanz von 50 Runden also 20.000 Meter statt. Als Siegerprämie winkten 500 Mark. Dem Jockey standen vier Pferde zum Wechseln zur Verfügung. Pferd und Jockey gerieten anfangs schnell ins Hintertreffen. Der Radfahrer erlebte dann allerdings ein entscheidendes Missgeschick, er musste einen Radwechsel durch-führen. So kamen Pferd und Reiter nach 33,49 Minuten als Sieger ins Ziel, der Radfahrer beendete das Rennen nach 36 Minuten.

1897 suchte eine großflächige Überschwemmung den gesamten Weinaupark und die Flächen bis zum heutigen Weinauring und Kleingartenanlage heim. Die Radrennbahn wurde aber im selben Jahr wiederhergestellt. Die Popularität des Radfahrens führte auch dazu, dass im Stadtgebiet und im Weinaupark ein deutlicher Anstieg von Unfällen zu verzeichnen war, was wiederholte Versuche der Stadtverwaltung nach sich zog, Ordnung auf Wegen und im Park durch Reglementierungen unter Androhung von Strafen zu schaffen. Die zum Teil unzureichend wirksamen Bremsen sowie fehlende Sicherheitsausstattungen wie Klingel und Beleuchtung gingen eine verhängnisvolle Wechsel-wirkung mit dem neuen Rausch der Geschwindigkeit ein.

Ab 1899 hatte sich von dem ursprünglichen „Radfahrer-Verein“ ein neuer „Verein für Radwettfahrten zu Zittau“ abgespalten, der die Radrennbahn, wie man heute sagen würde, kommerzialisierte. So wurden inzwischen auch Wettkämpfe mit motorisierten Fahrrädern und Motorrädern durchgeführt, bei denen es wiederholt zu Unfällen kam. Diese Entwicklungen und Ereignisse sowie die offensichtlich angespannte finanzielle Situation des Vereines nahm die Stadt zum Anlass den 1904 auslaufenden Pachtvertrag nicht zu verlängern und die Möglichkeit der ursprünglich beabsichtigten breiteren Nutzung zu öffnen. Die Übernahme des Stadions und der Tribüne durch die Stadt Zittau erfolgte am 01. Juni 1904 für 1.000 Mark Ablöse. Ein folgenschwerer Unfall ereignete sich kurz nach der Übertragung im August des Jahres 1904 als ein Motorradfahrer aus der Kurve abkam, in die Zuschauer raste und ausgerechnet einen Soldaten des ortsansässigen Regiments schwer verletzte. Die Radrennen wurden danach zunehmend weniger durchgeführt und schließlich eingestellt. Im Weinaupark war ab 1904 bereits ein Tennisverein mit eigenem Platz aktiv geworden, während andere Sportvereine vorrangig die allgemeinen Wiesen nutzen mussten. Die Sportanlage sollte für weitere Sportvereine geöffnet werden. Ein Leichtathletik-, ein Turn-, der Faust- und Fußballverein hatten seit Jahren bereits Interesse an einer festen Sportstätte bekundet und die Ernsthaftigkeit ihrer Absichten unter Beweis gestellt. Diesem Umstand ist wahrscheinlich das Körnerdenk-mal am Eingang des Weinauparkes zu verdanken, wie sich aus einem diesbezüglich geführten Schriftverkehr entnehmen lässt.   

Von 1912 bis 1915 fand schließlich für die neuen Sportarten ein Umbau des Stadions statt. Aber auch mit diesem neuen Umbau kam wieder sofort Ärger. Mit dem in Zittau stationerten 3. Infanterie-Regiment No. 102 des XII. Königlich Sächsischen Armee Corps, welches in der Mandau-Kaserne angesiedelt war, gab es ohnehin immer wieder Probleme, weil sich die Offiziere bei ihren Ausritten nicht an Regeln hielten und so die Wege in der Weinau beschädigt oder zerstört wurden. Am 15. Februar 1915 hielten darüber hinaus zwei Züge einer Kompanie entgegen einem Verbot Übungen im Stadion ab, mit erheblichen Beschädigungen der Bahnen als Folge.

Auch nach dem Ersten Weltkrieg gingen diese ständigen Auseinandersetzungen weiter. Vermutlich auch deswegen veranstaltete das Musikkorps des Infanterie-Regimentes wiederholt kostenfreie Platzkonzerte, um das Verhältnis zu ver-bessern. Diese Konzerte wurden dann immer von tausenden Einwohnern besucht.

Von übergroßem Interesse begleitet waren auch vor und nach dem Ersten Weltkrieg die im Stadion durchgeführten Schulfeste der Zittauer Schulen. Zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg fanden überwiegend sportliche Wettkämpfe und einige politische oder kulturelle Veranstaltungen statt. Während der Zeit von 1933 bis 1945 wurde das Weinauparkstadion umbenannt in Handrick-Kampfbahn, benannt nach dem Zittauer Gotthard Handrick, Olympiasieger im Fünfkampf von 1936 in Berlin, der im Spanischen Bürgerkrieg und im Zweiten Weltkrieg als Kommandeur in der berüchtigten Legion Condor Karriere mit verheerenden Auswirkungen machte.

Von 1945 bis 1951 war der Weinaupark Grenzsperrgebiet und nicht zugänglich. In den Jahren von 1955 bis 1990 hieß die Sportstätte Willi-Gall-Stadion. Willi Gall war ein in Zittau wohnhaftes KPD-Mitglied und Widerstandskämpfer, der 1939 verhaftet und 1941 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde.

1990 wurde das Stadion modernisiert. Nach dem Hochwasser 2010 wurde die Anlage wieder aufgebaut und zu einer Typ-A-Wettkampfstätte erweitert. Das Stadion hat acht Rundlaufbahnen à 400 Meter, die sich auch für Sprint- und Hürdenlauf eignen, eine Hindernislaufbahn, vier Weitsprung-, zwei Hochsprung-, zwei Stabhochsprung-, drei Speerwurf-, zwei Diskus- und Hammerwurfanlagen sowie drei  Kugelstoßanlagen und mehrere Fußballplätze

Heute ist neben dem Tierpark und den Sportvereinen auch der gemeinnützige „Weinau e.V.“ im Weinaupark aktiv, der in enger Kooperation mit dem „Wirtshaus zur Weinau“, dem Tierpark und den Vereinen ganz im Sinne der ursprünglichen Intentionen des 19. und 20. Jahrhunderts Veranstaltungen wie „Weinau-Aktiv“ organisiert, das Kahnfahren und Eislaufen auf dem Weinauteich wiederbelebt hat, einen Baumlehrpfad angelegt hat, an einer Aufarbeitung der Geschichte der Weinau arbeitet und zweimal jährlich einen Arbeitseinsatz zur Parkverschönerung organisiert.

 

Quellen: Altbestand Christian Weise Bibliothek, Chronik der Weinau von Durand, Zittauer Stadtanzeiger, Stadtarchiv; Bildnachweis: Privatarchiv T. Böhmer, Schatz, Stange; Straßenbahn in Zittau, Altbestand Christian Weise Bibliothek