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Des Töpfers Tiere

Fotos: Robin Diessner
Fotos: Robin Diessner

 

von Sophie Herwig, erschienen im xyzittau Stadtmagazin 2019

 

Wir hatten früher eine kleine Katze, ihr Name war Herr Matthias. Ihr Fell war rot, und meine Schwestern und ich waren noch Kinder. Als wir in den Urlaub fuhren, blieb Herr Matthias bei unserer Uroma. Leider wurde er von einem Kater totgebissen. Nach der Rückkehr erklärten unsere Eltern, dass er lieber eine Wildkatze als eine stinknormale Hauskatze sein wollte und sich entschieden hatte, fortan im Wald zu leben. Seitdem suchen wir Herr Matthias. Auf jeder Wanderung im Zittauer Gebirge riefen wir: „Heeeerr Matthiiaaas, wo biiist duuu?“ Wir riefen es auf dem Töpfer, beim Pilzsuchen und Rodeln. Auch heute schaue ich auf meiner Wanderung zum 582-Meter hohen Töpfer nach ihm.

 

Wie in einem Gemälde von Caspar David Friedrich erhebt es sich zwischen grünen Fichten und blauem Himmel – das kleinste Mittelgebirge Deutschlands – unser Zittauer Gebirge. Die Region galt als „Tal der Ahnungslosen“. Zu DDR-Zeiten bekamen die Menschen durch den schlechten Fernsehempfang noch weniger vom Westen mit als der Rest des Landes. Noch immer wird die Region von manchen so genannt: Das Handynetz ist miserabel, abends muss man manchmal laufen, weil kein Bus mehr fährt. Doch gerade deshalb kommen die Urlauber in die Oberlausitz, wegen der grünen Hügel, der alten Bergbauden, Umgebindehäusern und Sandsteinfabelwesen im Gebirge. Wegen ihrer natürlichen Ruhe, ihrer Ursprünglichkeit.

 

Es geht bergauf. Zwischen Kiefern und Fichten gucken immer wieder helle Sandsteinfelsen über die Baumwipfel. Steht man vor ihnen, sind es wuchtige Riesen, moosbewachsen in ihren steinigen Speckfalten. Der zerklüftete Sandstein ist – wie im bekannteren Elbsandsteingebirge – eine Ablagerung des Kreidemeeres, das einst große Teile Deutschlands bedeckte. Auf dem 582-Meter hohen Töpferberg aus Sandstein sitzt ein Nilpferd, eine Schildkröte, ein Papagei. Zumindest hat der Volksmund die merkwürdigen Felsgebilde, die aussehen wie Tiere, so getauft. Seit jeher haben „des Töpfers Felsen“ die Menschen in ihren Bann gezogen. In vorchristlicher Zeit als Kult- und Begräbnisstätte, später als touristisches Ziel. Holzhauer und Steinbrecher gingen auf dem Berg ihrem Handwerk nach. Anfang des 19. Jahrhunderts kam der Gedanke des Bergwanderns auf; wie auf anderen Gipfeln begann in dieser Zeit auch die Bewirtung der Touristen auf dem Töpfer. Man ging unten los, weil’s oben eine herrliche Aussicht, sächsischen Sauerbraten und frischgezapftes Helles aus Böhmen gab. Und weil sich auf dem Weg Alltagssorgen verflüchtigten. So ist es noch immer.

 

Auf dem Wirtschaftsweg wandere ich eine gute Stunde hinauf zum Töpfer, dort fährt auch der „Gebirgsexpress“, die Bimmelbahn auf Rädern, und bringt Reisegruppen, Familien, oder die, die nicht gut zu Fuß sind auf die Baude und wieder ins Tal. Bei uns heißt die Bahn nur das „Bosemuckl“.

 

Auf dem letzten und steilsten Stück laufe ich fast senkrecht am Berg, mache Kaffeebohnenschritte bis ich die Spitze der Töpferbaude sehe. Bauden sind ehemalige Schutzhütten für Viehhirten, die später für Gäste ausgebaut wurden. Die Töpferbaude ist massiv, mit rotem Holz verkleidet, steht da in 580 Metern Höhe seit hundertvierzehn Jahren. Hat schon jedes Wetter, jeden Gast gesehen. Seit ich klein bin, feiere ich fast jeden Geburtstag hier oben, beim Mittagessen mit der Familie. Ich will auch alles sehen, hüpfe auf runden Steinen bis zur Böhmischen Aussicht am östlichen Ende des Gipfelplateaus. Dort steht ein „Europakreuz“, trägt in lateinischer, polnischer, tschechischer und deutscher Sprache die Inschrift „Dass alle eins seien“ (Joh. 17,21). Der Wind pfeift, ich blicke auf das Zittauer Becken, das Oberlausitzer Bergland, das Riesen- und Isergebirge – über die deutsch-tschechische Landesgrenze hinweg.

 

Karin Golebiowski und ihre Tochter Nora führen die Töpferbaude seit 2003 als Familienbetrieb. Gemeinsam mit Dietmar Kunert konnten sie die historische Baude von 1905 und ihre Geschichte weitertragen. Dietmar Kunert, 63, war schon immer Gastronom. Mindestens einmal am Tag sieht er nach dem Rechten, auch an Ruhetagen. Die Kühlmaschinen könnten ja ausfallen, oder das Telefon hängt sich auf, wie letztens erst. Dann ist es gut, dass er da ist.

 

Ich sitze in der Gaststube, am Stammtisch, an dem sonst ältere Herren nach einer kleinen Wanderrunde ihr Bier trinken. Über mir schwebt ein handgeschnitzter Kronleuchter, den die Wirtsleute König in den dreißiger Jahren anfertigen ließen. In der Mitte thront als Holzfigur Tochter Oda König und eine Ziege. Ein Hinweis darauf, dass hier Ziegen und andere Nutztiere gehalten wurden. Der Name Oda bedeutet „die Erbbesitz schützt“. Und das tut sie tatsächlich. Auch die anderen Lampenschirme zeigen geschichtsträchtige Holzschnitte und erzählen von „des Töpfers Tieren“ wie Bär, Katze, Reh und Uhu. Von „des Töpfers alten Bäumen und Knorren“.

 

„Der Dauerbrenner ist unsere Sülze mit Bratkartoffeln“, sagt Dietmar Kunert, die trägt er oft zu den massiven, mehr als hundert Jahren alten Tischen und Stühlen, die immer wieder restauriert werden. Karin Golebiowski´s führt seit 2003 eine Strichliste: bisher wurden 5055 Liter Sülze auf der Töpferbaude gekocht. „Keiner der jungen Leute will heutzutage noch am Wochenende arbeiten“, sagt Nora Golebiowski. Sie ist auch erst 35: „Mit jedem Jahr lerne ich ein bisschen mehr über die Arbeit hier oben und die Baude.“ Ihre Mutter ist sehr froh, dass ihre Tochter in der Heimat geblieben ist und sie gemeinsam die Baude führen.

 

Ich möchte noch weiter wandern, vorbei an der brütenden Henne – die aussieht wie ein großer Steinvogel auf einem Nest – laufe ich über einen Teppich aus Laub der letzten Jahre in Richtung Scharfenstein. Die etwa 45 Meter hohe Felspyramide aus Sandstein ist das Matterhorn Oybins und tatsächlich erinnern ihre Formen an die ihres großen Bruders in Zermatt. Eisenstiegen erleichtern den Aufstieg zum Scharfenstein. Ich beiße in meinen Apfel und kraxeln empor, durch den Märchenwald mit bizarren Felsen und wucherndem Heidekraut. Ein Specht klopft. Einmal, da setzte sich meine Oma als sie mal musste in die Preisselbeeren die hier wachsen und wurde prompt von einer Zecke in den Po gebissen. Hier saßen wir auch als Hortkinder auf rundgewaschenen Felsplateaus und zwischen Heidelbeersträuchern, aßen Salamischnitte aus knallbunten Brotbüchsen und sangen das Lied unserer Heimat: „Oberlausitz, geliebtes Heimatland, Glück und Reichtum bist du mir! Wär`s auch noch so schön, so schön im fremden Land, stets gehört mein Herz nur dir!“

 

Alles sieht aus wie extra für mich arrangiert. Oder wie hingelegt und liegen gelassen. Eine vergessene Unterhose an einem Ast flattert im Wind, als hätte Hexe Baba Jaga sich einen Scherz erlaubt und sie da hoch gehext. Irgendwo miaut es. Aber vielleicht nur in meinem Kopf.