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Bauchnabel küsst Wirbelsäule

 

 

Von Sophie Herwig, erschienen im xyzittau Stadtmagazin 2018

 

Seit Oktober bin ich Mitarbeiterin an der Hochschule und gehe jeden Dienstag 15:30 Uhr zu Rücken-Fit für Mitarbeiter. Dort mache ich mit 15 Rentnern Sport, die alle viel fitter sind als ich

 

 

 

Ich wollte meine Haltung verbessern. Und den langen Tagen am Schreibtisch vorbeugen. Als ich die kleine Sporthalle am Pistoiaer Weg, Ecke Schwenniger Weg, betrete, sehe ich weiße Haare und Gymnastikbälle. Ich denke, ich habe mich im Kurs geirrt und alle im Kurs denken, ich habe mich in der Tür geirrt. Ich bin fünf Minuten zu spät – alle hüpfen schon auf grünen Bällen zu einem Schlager aus den Sechzigern. Die Zeit, in der die meisten der Kursteilnehmer so jung waren wie ich heute. Ich verkneife mir einen Lachanfall, nehme mir einen Ball und hüpfe mit. Tipp rechts, tipp links, Arme öffnen links, Arme öffnen rechts. Vorne macht die Kursleiterin Sonja Bratoew die Übungen vor: „Vier Mal noch, jede Seite. Rechts, links, federn, kreisen, paddeln.“ Hinter ihr steht ein großer Spiegel, der alles sieht und nur bei Sehschwäche verzeiht. Die haben hier alle, nur ich noch nicht. Die Augen-Hand-Koordination ist wichtig bei der Erwärmung. Bei mir ist sie nonexistent. Viele der Kursteilnehmer tragen Klamotten und Schuhe von Adidas, Nike, und Ski Pullover aus den 80ern. Jeder Hipster aus Berlin würde aus meinem Rückenfitkurs eine Themenparty im Berghain machen.

 

 

Nie geht eine Übung länger, als das Lied im Hintergrund. Wenn Sonja Bratoew die CD mit der modernen Musik einlegt, kommen Lieder aus den Nuller Jahren. Alles ist perfekt abgestimmt. Dafür macht Sonja diesen Kurs auch schon sehr lang. Er hieß nicht immer Rücken-Fit. Zu DDR Zeiten war es die Funktionelle Gymnastik, dann kam die Popgymnastik, dann Yoga. Obwohl Sonja Bratoew sagt, dass sie eher da war als Yoga. Sie war eh vor allen da, 40 Jahre lang war sie Sportlehrerin an der Hochschule in Zittau. Und 1985 fing sie mit den Kursen an. Für HSZG-Mitarbeiter, ehemalige Mitarbeiter und Gäste. Viele Kursteilnehmer kommen seit über 30 Jahren zu Sonja. Wie Helga. Helga hat auch mal die Kerze versucht, sich aber fast verrenkt. Sie ist 78 und macht seit 18 Jahren bei Sonja Sport. Heute gibt es im Rücken-Fit Kurs auch Yoga-Elemente, meist am Ende der Stunde, und eher fürs Stretching. Die Erwärmung am Beginn der Stunde könnte man Aerobic-Schritt-Kombination oder Funktionelle Gymnastik nennen. Den Teil dazwischen habe ich Zwiebelhacken getauft.

 

 

In meinem Rücken-Fit Kurs bügeln wir und hacken Zwiebeln. Beides ist schweißtreibend. Wir liegen dabei auf dem Bauch, die Arme ausgestreckt nach vorn, die Beine lang nach hinten. Damit wir die Halswirbelsäule nicht belasten, gucken wir auf die blaue Matte. Sonja ruft: „Pooo anspanneeeen! Bauchnabel küsst Wirbelsäuuuuleee! Macht eure Mitte fest! Uuuuund Zwiiiiiieeeebeellhaaackeeeeen!“ Wir bewegen die Arme hoch und runter, die Handkanten schlagen auf den Boden als würden wir Zwiebeln hacken. Daher der Name. Eigentlich logisch. Beim Bügeln läuft die Übung ähnlich ab, nur bügeln wir einmal mit links und einmal mit rechts über den Hallenboden. Helga macht jede Übung ganz vorsichtig, Heidis Schwester kommentiert alles, die zwei einzigen Herren schnaufen jeder für sich. Zwiebelhacken macht rote Köpfe. BH Träger werden zurechtgerückt, Unterwäsche wieder an die richtige Stelle geschoben. Die, die erschöpft sind, bleiben auf dem Bauch liegen (ich) und hören Seal beim singen zu. Die anderen heben nochmal den Arm und hoffen, es ist die letzte Übung. „Atmen nicht vergessen, Entspannung, uuuuund Paaaauuuuuseeee.“

 

 „Darf ich mal fühlen?“ Schon wird mein Bein hochgerissen und meine Socken bewundert. „Ist das Synthetik? Nein, das sehe ich auf den ersten Blick, Wolle, selbstgestrickt, oder?“ Das war Adelheid, 82, genannt Heidi. Sie kommt gemeinsam mit ihrer Schwester zu Rücken-Fit. Nur Edith ist älter, mit 83 Jahren. Ich halte ihr seitdem jede Woche meine Socken unter die Nase und sie fühlt das Material. „Ich trage nie Socken beim Sport“, erzählt sie mir. „Ich habe keinen Grip in meinen Schuhen, wenn ich welche anhabe.“ Nur letzte Woche war alles anders. Da war Heidi ein bisschen erkältet und hatte selbstgestrickte Wollsocken an. Diesmal bekam ich ihr blaues Hosenbein vor die Nase gehalten und sollte fühlen.

 

 

Hier beim Sport sind alle per Du. Und Sonja ist nicht nur die Sportlehrerin dort vorn. Sie ist eine Freundin, ein Urgestein, eine Vertraute. Sie weiß, wenn Heinz nicht kommt, weil es „in der Schulter knackert“ oder informiert den Kurs, wenn ein langjähriger Kursteilnehmer verstorben ist. Es gibt sogar gemeinsame Weihnachtsfeiern. Sonja bekommt ein Präsent überreicht, es gibt eine kleine Ansprache und Applaus vom ganzen Kurs. Jeder hat etwas mitgebracht. Glühwein ohne Schuss, Glühwein mit einem kleinen Schuss, Plätzchen, eine Gitarre. Ich habe Cupcakes gebacken. Gemeinsam singen wir Lieder und jemand liest ein paar Verse vor. Helga erzählt die Geschichte, wie sie mitten im Winter auf einem Feld einem nackten Mann begegnete, als sie gerade Eier holen wollte. An die Cupcakes traut sich erst niemand heran, dann werde ich gefragt was das wäre. Ich sage: das sind Cupcakes. Muffins. Aber keiner begreift so wirklich. Also sage ich: sowas wie kleine Kuchen in Tassen. „Aaaah. Das schmeckt ja sogar“, sagt Heinz mit Sahne im Mundwinkel.

 

 

 

 

Seit der Weihnachtsfeier bin ich voll angekommen in meinem Kurs. Ich sage alle Termine für Dienstagnachmittag mit dem Satz ab: „Sorry, da habe ich Rückenfit für Rentner.“ Ich kenne schon ein paar Namen, ich erkenne sogar an Sonjas Tonlage, welche Art der Übung ansteht. Wiederholung. Pause. Oder Pressen. Ziehen. Drücken. Die Bälle sind grün, die Matten blau. Die Stunde hat 60 Minuten. Mittlerweile habe ich den größten Respekt vor meinen Sportkameraden. Helga trägt jede Woche dasselbe, Kaltwelle oben, blaue Sportballerinas unten. Ich frage mich oft, wie sie wohl früher aussahen. Als sie jung waren. Dabei sind sie eigentlich viel jünger als ich mich fühle. Sonja ruft bei der dritten Runde Situps: „Die Muskeln können brennen, dann passiert wenigstens etwas!“ Bei mir brennt alles, ich würde gern eine Tonne Wasser trinken, aber Helga lächelt mir zu und zuckt die Schultern über die lächerliche Anstrengung. Helga hat Muskeln wie Kruppstahl.

 

 

Manchmal hasse ich Sonja auch, (ich weiß, die anderen tun das auch) wenn wir die geraden Bauchmuskeln mit 20 Wiederholungen geschafft haben, und nun die schrägen Bauchmuskeln auf zwei Zählzeiten dran sind. Dabei weiß man ja: die schrägen gibt es zweimal, also rechts und links. „Zieht, zieht, zieht, ganz wichtig ist das letzte Stückchen! Bis es brennt!“ Xavier Naidoo singt im Hintergrund „Höllenqualen sind egal“, aber er war auch noch nicht bei Sonja im Rücken-Fit. Es zischt, ein Ball ist geplatzt. „Wiederhooolung. Der Bauchnabel küsst die Wirbelsäule“, ruft es von vorn. Vereinzelt höre ich ein „Nein“ oder „Nicht doch“. Sonja macht die Sekunden länger: „vier, drei“, sie singt zwischendurch auch mal mit, wenn ihr ein Lied gefällt, „no Milk today, my love has gone away, zwei, eins und Paaaaauuuuseee.“ Die schwierige Variante wählen alle außer ich. Schlicht, weil ich sonst vom Ball fallen würde. Manchmal hebt Sonja den Kopf und guckt, ob es allen gut geht und alle (noch) atmen. Am Ende haben wir 80 Wiederholungen geschafft. Das schafft man allein zu Hause nicht, ich jedenfalls nicht. Deswegen bin ich hier. Und weil mein Papa sagt, ich gehe zu krumm.

 

 „Jetzt drehen wir uns um die Längsachse in eine Körperverwringung“, jeder Beruf hat seine eigenen Fachbegriffe. Bei Sonja sind das: Bankstellung, Unterarmstütz, Pferderücken, Katzenbuckel, Bodendrücker, Rückenstrecker, Strecksitz, Drehsitz und Unterschenkelstand. Mobilisationsarbeit für die Wirbelsäule heißt es bei Sonja, die Kleine Kobra im Yoga. Viele Übungen heißen heute auch anders als damals. Dann sagt Sonja: „Das hieß zu DDR Zeiten noch Beugestütz, heute rückwärtiger Tip, naja“, und schüttelt den Kopf über das neumodische Zeugs. Dann liegen wir, platt wie Flundern, auf unseren Matten und wissen, was wir die letzte Stunde gemacht haben. Sonja gestaltet jede Stunde ein bisschen anders. Mal Gewichte an den Knöcheln, mal Erwärmung auf der Steppbank, mal auf dem Gymnastikball. Mal anstrengend, mal sehr anstrengend. Rückenschonend stehen wir auf, werfen glücklich die Hände nach oben, und klatschen für uns. Wir haben es geschafft – für diese Woche. Für Sonja geht es 16:30 Uhr mit dem zweiten Kurs weiter. An dieser Stelle sollte ich schreiben: kommen Sie in diesen Kurs. Er hält fit, er macht Spaß und er ist voller Vorbilder. So bleiben Sie fit im Alter und in der Jugend. Aber bitte kommen Sie nicht. Bleiben Sie weg. Das ist mein Rücken-Fit für Rentner Kurs. Außer Sie haben selbstgestrickte und sehr, sehr schöne Socken an.