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Neunzehn Sommer

 

 

Von Lisa Maria Kurzmann, erschienen im xyzittau Stadtmagazin 2016

 

Ich wollte immer weg von hier. Ich habe hier nie das gefunden, was ich immer gesucht habe. Hier war immer alles neblig und schlecht für mich. Wahrscheinlich habe ich den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen. Hier war nie wirklich „zuhause“. Ich wollte immer nur weg. Weg aus dieser Stadt, die so alt scheint, die mir immer so alt schien. Weg von den Menschen, die immer nur schlecht für mich waren. Ich bin ausgezogen, um etwas zu suchen und jetzt weiß ich gar nicht mehr, was ich verloren habe.

 

Foto: Mario Heinke
Foto: Mario Heinke

 

 

Jetzt weiß ich überhaupt nicht mehr, was ich gesucht habe. Ich hab‘ gesehen, dass nach jedem Regen, ein kleiner Sonnenstrahl, der in dein Gesicht scheint, ein Lächeln zaubern kann. Ich hab‘ gesehen, dass es hier doch Menschen gibt, die gut für mich sind. Ich hab‘ gesehen dass jede Tür, die sich schließt, eine andere öffnet. Manchmal auch zwei oder drei, dann musst du dich nur entscheiden. Du musst da sein, du musst atmen. Du musst die Lichter dieser Stadt in der Dunkelheit sehen. Du musst dem Alter dieser Stadt eine Chance geben. Ich bin so jung und alles hier fühlt sich so schrecklich alt an: Die zusammenfallenden Häuser, die Fassaden, die Geschichten erzählen können, wenn der Wind leise um sie herumtanzt. Du musst dir jeden Ort genau ansehen, und du wirst seine Schönheit entdecken.

 

 

 

Du musst dein Leben in die Hand nehmen und alle Steine aus dem Weg räumen. Dann stehst du mitten auf einer bunten Blumenwiese und alles ist schön und du willst hier nicht mehr weg. Du willst hier nie wieder weg. Weil du nicht gehen kannst, weil etwas an dir zieht. Es reißt dich hin und es reißt dich her. Du kannst hier nicht weg, weil alles, was hier ist, du bist. Das finde ich nirgendwo anders.

 

 

 

Aber alles, was woanders ist, das finde ich hier nicht. Ich möchte die ganze Welt sehen. Die ganze Welt ist aber nicht hier. Aber ich kann hier nicht weg, ich kann nicht in die ganze Welt hinaus.

 

Weil es auf der ganzen Welt nirgendwo so ist wie hier. Da gibt es nicht die gleichen Menschen, die mich immer an die Hand genommen haben. Nicht die gleichen Straßenlaternen, die in einsamen Nächten immer für mich da waren. Nicht die gleichen Namen in Tische eingeritzt. Nicht die gleichen Namen auf Parkbänken. Die Herbstblätter, die unter meinen Schuhen im Park immer so vorsichtig knistern, haben woanders eine andere Farbe. Keinen Stein am See, auf dem ich immer sitze und schreibe, und auf dem ich die schönsten Sonnenuntergänge gesehen habe – allein.

 

 

Woanders gibt es keine Menschen, die mich mit meinem Namen ansprechen.

 

Woanders kennen die Menschen mich nicht, und ich kenne sie nicht.

 

Woanders gibt es keine Familie, die hier ist, immer hier war und immer hier sein wird.

 

Woanders gibt es mein Zimmer nicht. In meinem Elternhaus.

 

Was seit drei Jahren vergeblich darauf wartet, dass ich zurückkehre. 

 

Woanders gibt es meine Kuscheltiere nicht, mein eingestaubtes Puppenhaus auf dem Dachboden und mein erstes Fahrrad im Keller.

 

Woanders gibt es meinen Garten nicht, nicht den Splitt unserer Einfahrt, auf dem ich mit drei Jahren auf den Knien herumgerutscht bin.

 

 

Auch das Echo zwischen unserem und dem Nachbarhaus gibt es nicht, nicht meine Straße und all die Orte, an denen ich groß geworden bin. Woanders gibt es nicht die gleichen Enten, nicht die, die ich immer gefüttert habe, als mein Papa noch da war. An jedem Sonntag nach dem Mittagessen. Woanders gibt es meine Freunde nicht, nicht die Falschen und schon gar nicht die Wahren. Woanders gibt es mich nicht, denn ich bin hier. Mein Leben lang. Ich habe immer versucht hier weg zu kommen, in die Welt hinauszuziehen und neu anzufangen, weil ich im Nebel dieser Stadt fast erstickt wäre.

 

Aber ich bin immer noch da.Ich habe immer versucht hier rauszukommen. Aber alles hat sich immer dagegen gewehrt. Diese Stadt hat mich noch nicht losgelassen und sie wird es wahrscheinlich auch nicht so bald tun.

 

Hier war alles: Meine erste Liebe, mein erster Kuss, meine erste schlechte Note; das erste mal, dass ich tief gefallen bin, der erste Schmerz, das größte Glück, das erste Bier, die erste Zigarette. Hier war alles. Und hier bleibt alles, ein Leben lang.  Diese Stadt ist wie eine Schneekugel, die irgendwer irgendwo in seinem Wohnzimmer stehen hat. Viele hübsche kleine Häuser, Kirchtürme, die in den Himmel ragen und klitzekleine Menschen.Alles steht still. Die ganze Zeit. Bewegt sich nicht, verändert sich nicht.Irgendwann schüttelt es jemand wach und plötzlich ist alles so schön, wie der erste sonnige Wintertag im Dezember, an dem die Schneeflocken durch Straßen und Gassen tanzen.Alles ist gut, alles sieht so wunderschön aus. Ich könnte mir diese Stadt jede Nacht betrachten. Im Dunst einer Zigarette mit leisen Schritten jeden Zentimeter dieses Ortes abgehen. Ich könnte stundenlang aus meinem Fenster sehen und gescheiterte und erfolgreiche Existenzen beobachten.Jeder hat seine eigene Geschichte und ich muss die Menschen nicht einmal kennen, um zu wissen, wie die Geschichte erzählt wird. Ich hasse es, weg von hier zu sein.Ich hasse es, nicht die Schatten von meinem Fenster an der Wand zu sehen.

 

 

 

Ich bin angekommen, ohne mich jemals zu entfernen. Ich habe etwas gesucht, was die ganze Zeit direkt vor meiner Nase war. Es hat neunzehn Sommer gebraucht, um alles hier lieben zu lernen.

 

Und jetzt kann ich hier nicht weg. Hier ist alles. Hier ist mein Herz.