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Mein Theater

 

Gern sitze ich vor Beginn einer Aufführung auf der Galerie im Foyer des Theaters und genieße es, wenn das stimmungsvolle Erwarten, das von den Besuchern ausgeht, mich erfasst. Ich schaue hinab in den Eingangsbereich. Als ich vor vielen Jahren zum ersten Mal hier war, standen noch keine Tische und Stühle hier. In den Theaterpausen wandelte man, sich unterhaltend, andere grüßend, im Foyer umher oder reihte sich ein in die Schlange vor dem Kiosk, um etwas Süßes oder ein Bier zu ergattern.

 

Seit über sechzig Jahren erlebe ich in diesem Haus Aufführungen, die mich nachdenklich stimmen oder erheitern. Wertvolle Erlebnisse bekam ich geschenkt. Mein erstes Theaterstück war ein Weihnachtsmärchen, dessen Name mir entfallen ist. Doch den Petrus mit seinem riesigen Schlüsselbund um den Bauch, den kann ich mir aus der Erinnerung samt dem Klimpergeräusch zurück holen. Ich höre noch seine tiefe aufgeregte Stimme: „Welch ein Gebimmel heut im Himmel“! Eigenartig, dass ausgerechnet das nach so vielen Jahren noch so lebendig in Erinnerung bleibt. Meine erste Oper war „Der fidele Bauer.“ Mit dem Inhalt des Stückes fühlte ich mich verbunden. Zwar sang ich nie „Mutterle, Mutterle kauf mir was“, aber wenn wir Wünsche äußerten, antwortete unsere Mutter ähnlich wie die Sänger auf der Bühne „Hab kein Geld.“ Damals war ich 15 oder 16 Jahre. Bei „Macbeth“ durchlebte ich tausend Qualen, dachte ich doch, der König sei wirklich ermordet worden. Ich glaubte meiner Mutter nicht, die beruhigend sagte: „Das ist alles Spiel. Am Ende verbeugt er sich wieder.“

 

Die Aufführung „Herr Punktila und sein Knecht Matti“ verließ ich vorzeitig. Das muss Ende 1949 gewesen sein. Ich glaube, das Stück hatte zwanzig Aufzüge. Bereits ab dem fünften Bild leerten sich die Reihen deutlich. Ich harrte mit Mutter bis zum zwölften aus. Sicher wären wir Gefahr gelaufen, bald die einzigen Zuschauer gewesen zu sein. Meine Abneigung gegenüber Brecht hielt lange an, hat sich etwas gelegt, doch mit „ Herrn Punktila“ werde ich mich wohl nie anfreunden. Wie waren Theaterkarten nach dem Krieg begehrt. Lange Warteschlangen vor der Kasse. Um nicht leer auszugehen, stand ich schon lange vor Kassenöffnung am Theater. Im Winter suchte ich Schutz hinter einer Säule, fror trotzdem fürchterlich. Während des Wartens strickte ich, las oder lernte Vokabeln. Die Freude darüber, Karten erstanden zu haben, ließ schnell alle Unannehmlichkeiten vergessen. Später gab es Abonnements. Hatte man eines, entfiel die Warterei.

Foto: fotolia.de
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Als „Laiendarsteller“ fungierte von nun an ein älteres Ehepaar vom Land, das hinter uns saß. Dem Mann schien der Schlaf wichtiger zu sein als das Geschehen auf der Bühne. Weckte ihn seine Partnerin, drängelte er: „Komm Muttern, ich will heem.“ Sie: „Wir können nicht gehen, der Bus kommt doch erst wenn Schluss ist.“ „Dann loofm mer abm.“ Sie: „Nee, doas giht ne mit dan Schichern.“ Hatte die Vorstellung begonnen, dauerte es nicht lange und es raschelte. Wir erschnupperten stets den jeweiligen Brotbelag. Am deutlichsten in Erinnerung blieb mir der Duft gewürzter Leberwurst. Nicht selten bekam ich Lust zu kosten. Wir durften auch die Wartezeit auf die Geburt eines Kälbchens von der Kuh Emma mit durchleben und nahmen Anteil am Wunsch, dass es ein Bullchen sein möge, wegen der Eigenmast. Manch Zusammenhang des Bühnengeschehens blieb dabei für den Mann undurchschaubar. Seine Frau bemühte sich, ihm die Handlung auf der Bühne zu erläutern. So kamen wir in den zweifelhaften Genuss, manches Bühnenwerk doppelt zu erleben, nicht selten mit abgewandeltem Inhalt. Ein Kommentar zum Spiel auf der Bühne bleibt mir unvergesslich. Das Drama hatte seinen Höhepunkt erreicht, und ich war von dem Geschehen aufgewühlt. Ich litt zutiefst mit der Schauspielerin, die sich verzweifelt schluchzend über ihren toten Geliebten wirft. Und da, in diesem Augenblick sagte das Bäuerlein hinter uns laut und voller Überzeugung: „Guck oacke Mutter, is doaas ne a hibbsches Weibsn.“

Die Klingel schreckt mich aus meinen Gedanken und ruft alle in den Zuschauerraum. Nach und nach nehmen die Besucher ihre Plätze ein. Leises Wispern und Räuspern breitet sich im Saal aus. Erwartungsvolle Spannung erfasst mich. Wie arm wäre mein Leben ohne Theater. Die Interpretation der meisten Stücke hat sich verändert. Manche dieser modernen Darbietungen bleiben mir fremd, erscheinen mir mit Symbolik überfrachtet. Manchmal wünschte ich mir das Pärchen von damals zurück. Jetzt ihren Kommentaren zu lauschen wäre bestimmt ein besonderes Erlebnis.