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Die Kettensägenschnitzer

 

Von Monika Hanspach, erschienen im xyzittau Stadtmagazin 2018

 

Der Beckenberg nördlich von Eibau mit 400 Höhenmetern ist normalerweise ein typischer Sonntagnachmittag-Spaziergänger-Berg. Man steigt geruhsam nach oben, genießt auf halber Höhe den weiten Blick über das Lausitzer Land, sieht, wie der Wind mit dem hohen Gras auf den Wiesen spielt und sie in ein grünes Meer verwandelt. Es ist still. Danach schlängelt sich der Weg durch schattigen Wald nach oben und erreicht die Baude, wo sich freundliche Wirtsleute immer über Gäste freuen.

An diesem Maisonntag ist nichts normal. Der Lärm, ein ohrenbetäubendes Kreischen von mehreren Motorsägen, schallt vom Berg hinunter bis auf die Wiesen,  die heute als Parkplätze dienen. Eine bunte Menschenschlange zieht bergauf. Jonas und ich sind mittendrin. Wir erreichen den Waldrand, und gleich beginnt das große Staunen. Der Sägenlärm wird stärker. Heute stört das anscheinend niemanden und nur die kleinen Kinder halten sich von Zeit zu Zeit die Ohren zu. Hier findet wieder das jährliche Kettensägen-Schnitzer-Treffen statt.  Was die Künstler mit der schweren Kettensäge aus Holzstämmen zaubern können überrascht mich und Jonas. Viele Tiere in allen Größen: Pferde, Bären, Füchse, Wölfe auch sehr große Käfer. Szenen aus der Bibel (Maria und Josef an der Krippe), Fantasiegestalten und Märchenfiguren,  das schaffen die Künstler mit der Motorsäge vor den Augen des interessierten Publikums. Sägen schleifen  sägen, erstaunlich, auch Frauen sind unter den Künstlern. Und sie sind nicht schlechter als die kräftigen Männer. Als ich mir so eine Säge genauer ansehe, meint Jonas nur: „Lass es, du würdest dir nur die Finger absägen." Vielleicht hat er Recht. Aber versuchen möchte ich es schon gern einmal.

Die Fähnchen an den Bäumen lassen erkennen, die Künstler kommen von weit her. Da sind Niels Enjar aus Schweden, Darya Lisitia aus Russland, Felix Kroiß und Bernd Winter aus  Deutschland, Josef Chromek aus Polen, auch Künstler aus Tschechien fehlen nicht. Aus Kanada schaffte es bis auf den Beckenberg ein Künstler mit dem Namen Rotshin Wenzzow-ski, um nur einige zu nennen.

Wir haben  inzwischen den Gipfel erreicht. Das Hämmern eines Steinmetzes zählt hier zu den leisen Tönen, und seine Spinne aus Sandstein, die die Besucher bewundern, ist ganz still. Jonas und ich wollen uns gerade einen Kaffee holen, für das „leibliche Wohl" der Besucher wird hier auf dem Becken-berg sehr gut gesorgt, da übertönt eine Stimme aus dem Lautsprecher die Sägen: „In zehn Minuten beginnt das Speed-Carving, der Wettbewerb im Zeitsägen, und anschließend erfolgt die Versteigerung der Kunstwerke.“ Dann kracht der Startschuss. Es wird spannend. Kunst auf Zeit, ist das zu schaffen? Die Künstler arbeiten, die Augen durch Brillen geschützt, die Sägen fest in den Händen. Jeder Schnitt muss jetzt sitzen, die Späne fliegen. So entstehen vor dem stau-nenden Publikum kunstvolle Schnecken, ein Pilz, ein Eule, ein Bussard. Jonas geht nach rechts und ich nach links. Es gibt so viel zu sehen. Ich finde einen russischen Künstler, Kyrill Baur, der nur mit der Axt arbeitet. Er schafft es, in der vorgegebenen Zeit, ich denke, es waren 45 Minuten, aus einem Holzstamm einen Ziegenbock nur mit der Axt heraus zu schlagen, Jonas schwärmt von einem Bären.

Nach dem Wettkampf wird es etwas leiser auf dem Berg, aber es kommen immer noch neue Besucher. Dann beginnt die Versteigerung. Fast jedes der lautstark angepriesenen Kunst-werke wird verkauft, für etwa ein Drittel seines sonst üblichen Preises. Auch mein Favorit, der russische Ziegenbock, ist schon verkauft, während ich noch überlegte: Soll ich kaufen, noch warten? Reich werden die Meister der Sägen hier nicht, aber ich glaube, sie kommen im nächsten Jahr trotzdem wieder. Das Treffen, das jährlich um den Himmelfahrtstag stattfindet und vier Tage dauert, bietet ihnen Gelegenheit, miteinander zu reden, voneinander zu lernen und auch kräftig zu feiern. Und auch die anderen Helfer sind dann wieder da, kochen Kaffee, backen Kuchen, grillen Bratwürste, schenken Bier aus... Ein Jahr vergeht schnell, und dann kreischen sie wieder, die Sägen auf dem Beckenberg.