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Das Brigadebuch

 

Von Mario Heinke, erschienen im xyzittau Stadtmagazin 2018

 

Vier Brigabebücher hat Dieter Heinke noch im Schrank. Der Oderwitzer ist heute 86 Jahre und leitete von 1966 bis 1983 das RFT-Fachgeschäft in der Inneren Weberstraße 31. Die Brigadebücher geben einen gefilterten Blick in das damalige Arbeitsleben seines Arbeitskollektivs. Fotos und handgeschriebene Berichte erzählen von Frauentags- und 1. Maifeiern, Republikgeburtstagen, Betriebsausflügen, von Besuchen der SED-Betriebs, Kreis-oder Bezirksleitung und werten in epischer Breite die Ergebnisse des Sozialistischen Wettbewerbs aus. Der Werktätige in der DDR befand sich, glaubt man den Brigadebüchern, permanent im Wettbewerb - mit sich, den Kollegen und der ganzen Welt. Viele Fotos zeigen Menschen beim Hände schütteln, Auszeichnungen, die Verleihung von Orden, Urkunden und Titeln gehörten zum festen Bestandteil des Arbeitsleben. Das Kollektiv der Fachfiliale 13 im Industrievertrieb Rundfunk und Fernsehen wurde mehrfach und regelmäßig "Kollektiv der sozialistischen Arbeit", "Kollektiv der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft" und "Bereich der vorbildlichen Ordnung und Sicherheit". Eine gut gefüllte Brigadekasse erlaubte regelmäßige Betriebsausflüge nach Tschechien, ins Erzgebirge, in den Spreewald, nach Potsdam und Berlin zu organisieren. Die Mitarbeiter spendeten auch für das Solidaritätskonto.

 

Das erste Brigadebuch beginnt mit der Entstehung des Fachgeschäftes im Jahre 1966. Die "Erfordernissen der technischen Revolution verlangen den Aufbau von industriezweigeigenen Absatzorganisationen bei verschiedenen Konsumgütern", deshalb entstand 1964 der Industrievertrieb Rundfunk und Fernsehen im Bezirk Dresden, der im Jahre 1965 eine Filiale in Zittau eröffnen wollte. Verschiedene Fachfilialen des Konsums und der Staatlichen Handelsorganisation "HO" in den umliegenden Gemeinden gingen in der neuen Organisation auf. Die Eröffnung der Zittauer Filiale verzögerte sich jedoch, weil für die anstehende Renovierungen keine Baukapazitäten vorhanden waren. "Gebaut wurde ohne jegliche Zeichnung, ohne Bauleitung und Architekt" heißt es im Brigadebuch Nr. 1. Dort steht auch geschrieben: "Die drei Besuche des zuständigen Betriebs-Architekten haben alle Klarheiten durcheinandergebracht". Am 1. März 1966 konnte die Filiale "nach einigen Nachtschichten und Sonntagseinsätzen" eröffnet werden.

 

 

Die Bücher erzählen auch von den Lehrgängen der Mitarbeiter im Funkwerk Zittau, wo sie in den Aufbau eines Plattenspielers eingewiesen wurden oder bei Tesla in Liberec, wo sie sich über die dort hergestellten Spulentonbänder informierten. Ende 1969 bereitete RFT seine Filialen auf den Verkauf der ersten Farbfernsehgeräte vor. Anlässlich des 20. Jahrestages der DDR kam der Farbfernsehempfänger RFT Color 20 in die Läden. 1969 meldete Filialleiter Dieter Heinke die 102,3 prozentige Planerfüllung und einen Umsatz von 3,4 Million Mark. 1970 besuchte Sportreporter Heinz-Florian vom DDR-Fernsehen den Laden in der Inneren Weberstraße und kaufte ein Kofferradio. Der größte Höhepunkt in dieser Zeit war zweifellos die Modernisierung der Filiale in den Jahren 1978/79, für dieses Ereignis wurde ein separates Brigadebuch angelegt. 1983 ging Dieter Heinke in Rente. In der 1990er Jahren zog "Fahrrad-Förster" in die Geschäftsräume ein. Seit der Schließung des Fahrradgeschäftes steht das Haus leer und verfällt. Im vergangenen Jahr soll die Immobilie für wenige tausend Euro versteigert worden sein.

 

Anmerkung der Redaktion: Der Autor und die im Text genannte Person sind nicht verwandt.